Bevor’s losgeht: Die meisten Bilder in den Galerien enthalten Beschreibungen. Einfach draufklicken.

Samstag, 05. April

Nach einer langen Nacht im Playhouse erwachte ich an diesem Morgen im Wohnzimmer von Carmen und Paula. Die beiden sind so lieb – ich darf bei ihnen übernachten, wann immer ich möchte. Als ich die Vorhänge aufzog, wurde das Wohnzimmer mit Sonne geflutet. Ich schrieb einen Zettel und schlich leise aus der Wohnung. Wie bei einem One-Night-Stand (nur, dass es da wahrscheinlich eher selten Zettel gibt). Ab dem Zeitpunkt fing ich an, die Stunden zu zählen. Noch 14 Stunden, bis Martin an der Bus Station ankommen würde.

Das passierte einige Male und ich war froh darüber, den Abend wieder bei den Mädels verbringen zu können und so die Zeit zu verkürzen. Um Mitternacht hatten wir uns dann endlich wieder! Auf dem Nachhauseweg durch die Stadt dachte Martin, hier ginge die Party ab. Allerdings wuselten gerade so viele Menschen durch die Straßen, weil in den meisten Pubs schon Schließzeit war. :)

Sonntag, 06. April

Geweckt wurden wir heute nicht etwa von der Sonne, nein. Natürlich war es der Regen, der sich wochenlang versteckt hatte und genau heute an unsere Fensterscheibe klopfte. Das ließen wir uns allerdings nicht bieten und machten uns auf den Weg in den Castle Park. Zum ersten Mal ausgestattet mit einer Nussmischung für die zahmen Eichhörnchen.

Kraehe

Im Castle Park gibt’s dank großer Besucherzahl für jeden etwas zu knuspern.

Nach einem kleinen Stadtbummel hieß es schon bald auf auf zu Carmen, Paula und Alex zum internationalen Dinner. Neben spanischer Tortilla und italienischen Ravioli organisierten wir amerikanische Marshmallows (+Kerzen) und Zutaten für einen Bananen-Oreo-Shake, weil uns absolut nichts typisch Deutsches und gleichzeitig fleischloses einfallen wollte. Kartoffeln und Quark vielleicht? Aber Herzhaftes hatten wir ja schon ausreichend.

Tortilla

Ay caramba! Echte spanische Tortilla!

thegang1

Heute zu fünft, unter anderem mit Jon Snow und Christoph Waltz‘ Mund.

 Montag, 07. April

Regentag Nummer 2. Bestens, um unsere morgige Reise nach London zu planen und zwei Ausstellungen (Firstsite und Minories) in Colchester zu besuchen. Mittags kochte ich uns vegetarisches Cordon Bleu mit Kartoffelecken, Mischgemüse und einer Bratensauce. Ich wollte schon zu Topf und Pfanne greifen, als Irina erklärte, dass ich mal auf die Zubereitung schauen sollte: Backofen, Mikrowelle und ein heißer Aufguss sollten reichen. Alles, was man hier zum Kochen braucht, ist also ein wenig Gefühl für gutes Timing.

Kokon

Eigenartige Kokonspezies gesichtet, außerhalb der Firstsite.

Am Abend fuhr uns Irina samt Kindern** zum riesigen Sainsbury’s und wir benötigten tatsächlich knapp mehr als eine Stunde, um den ganzen Markt zu inspizieren. An den Selbstbedienungskassen hielt uns das System mindestens fünf mal dazu an, auf einen Assistenten zu warten, der unsere Kasse wieder entsperrte, bis wir merkten, dass es daran lag, dass Martin schon einpackte, während ich die Strichcodes einscannte. Hier muss erst alles komplett gewogen werden, bevor eingeräumt werden darf. Nix für Großeinkäufe also.

Ueberwachungskamera

Welcome to Sainsbury’s!

**Irina fragte: „Wer sitzt vorne? Ah, ich denke, Claudie sitzt besser hinten, weil die Kinder sie mehr mögen.“ Wann hatte Martin bisher auch eine Chance gehabt, sich beliebt zu machen … Und als ich noch diesem Gedanken hinterherhing, wurde ich plötzlich von Ellie und Vicky mit einem „Claudiiie!“ umarmt. So süß! :)

Dienstag, 08. April

An der Colchester North Station angekommen zogen wir mithilfe der Reservierungsnummer unsere Zugtickets am Automaten. Online bestellen und weder Drucker noch Smartphone benötigen, das gefällt mir. Auf der Fahrt versuchte ich alle zu passierenden Orte anzuschauen, doch schon wenig später nickten wir beide ein. An der Liverpool Street empfing uns dann ein sturmgleicher Wind, unzählige Passanten, die es ziemlich eilig zu haben schienen und eine halbe Stunde Verkehrslärm. Anders als in Berlin, sieht man hier nicht eine bunte Menschenmenge sondern ausschließlich Anzugträger. Schwarz – die Trendfarbe Londons?

Nachdem wir ein wenig durch die Straßen nahe der Themse geirrt waren, und dabei interessante Parks und Märkte passiert hatten, standen wir endlich vorm Tate Modern Museum – einem der weniger schönen Gebäude von Londons Skyline. Auch innen sah’s erstmal ziemlich mau und kahl aus, aber schon bald fanden wir die Zugänge zu den einzelnen Ausstellungen. Ich kann gar nicht mehr zusammenfassen, was es dort alles zu sehen gab. Ein großer Mix aus allen möglichen modernen Kunstrichtungen. Die einzelnen Abschnitte waren betitelt mit „Structure and Clarity“, „Energy and Process“, „Transformed Visions“ und „Poetry and Dream“. Kinder und Jugendliche rannten mit ihren Smartphones von einem zum nächsten Kunstwerk, um jedes einzelne abzulichten. Im Original angesehen haben sie allerdings kein einziges. Da darf ich auch mal den Kopf schütteln und sagen „Ts, ts, die Jugend von heute …“

Das wahrscheinlich meist fotografierte Gemälde (als Hintergrund für ein Selfie [Unwort des Jahres!] natürlich …) war Gerhard Richters „Grey“ aus dem Jahre 1974. Sicher mehr aus Ironie als aus Vergötterung. Ich hatte mich bereits mit Alessandro darüber unterhalten. Leider wird der Begriff „Kunst“ vom Großteil der Gesellschaft falsch interpretiert und daher Bilder wie eben genanntes als Unsinn abgestempelt. Hier eine Ironie der Ironie:

London_TMDaumenhoch

Klasse! :D

London_TMBraque

Braques berühmtes „Clarinet and Bottle of Rum on a Mantelpiece“ von 1911 – fast so spannend, wir ein guter Kinofilm.

London_Contrast

An beinahe jeder Ecke eine Stadt der Kontraste.

London_Skyline

London Eye, Big Ben und Westminster Palace auf einem Bild!

London_sunset

Wunderschönes London bei Abendsonnenschein. Auf dem Weg zurück zum Zug.

London_return

Goodbye and see you later!

 Mittwoch, 09. April

Nachdem wir am Abend zuvor sofort in einen tiefen Schlaf gefallen waren, beschlossen wir, es heute ruhiger angehen zu lassen. Ich führte Martin zur Bourne Mill und wir genossen unseren ausgedehnten Spaziergang bei funkelndem Licht.

BM_swamp

Schlamm ist also immer da. Egal, ob es geregnet hatte oder nicht.

Auf einer Holzbank am hinteren Teich gönnten wir uns eine Pause und vernaschten mitgebrachte Schokomuffins und Äpfel. Und wurden von einer Ente beobachtet!

BM_beobachtEnte

Anatidaephobie …

BM_Zurueckguck

… haben wir zum Glück nicht. Wir lieben Entchen! <3

BM_Duttente

Auch die mit komischer Frisur.

Den Nachmittag verbrachten wir an meinem versteckten Lieblingsplätzchen dösend in der Sonne.

Am Abend zogen Irina und Michael den Tisch in der Küche aus, deckten für 8 und stellten verschiedene Weinsorten (darunter auch Liebfrauenmilch) darauf. Wenig später trafen Alessandro und seine Landlady Wendy (= Michaels Mum) ein. Nach einer kurzen Zimmerpräsentation bestellten wir gemeinsam beim Chinese-Takeaway, ohne genau zu wissen, was uns da erwarten würde. Aber es war exzellent! Besonders das frittierte (?) Seaweed hat mich beeindruckt. Wir stellten alle Schüsseln in die Mitte, sodass sich jeder von jedem nehmen konnte. Leider nicht ganz durchdacht, was die Portionen für die Vegetarier angeht, aber so ist das ja immer. Beim Grillen gehen wir nicht selten mit knurrendem Magen nach Hause, weil ungewöhnlicher Weise alle die vegetarischen Speisen am leckersten finden (bzw. nie bestellen und dann erst bemerken, was sie eigentlich verpassen). :)

Als Ellie und Vicky im Bett waren, ließen wir den Abend mit Martins Kurzfilm „Ottilias Ochse“ ausklingen. Wer hätte gedacht, dass er mal in einem Haus im Südosten Englands über den Bildschirm laufen würde!

Donnerstag, 10. April

Bevor wir zu unserem heutigen Ausflugziel starteten, beschloss Irina, ihre Pläne zum Bananasong in die Tat umzusetzen. Mit Film-Profi im Haus musste man die Chance ja nutzen. Wir waren davon allerdings nicht halb so begeistert. Leider hatte ich sie mehr oder weniger durch Zufall auf die Idee gebracht, als ich ihr von einem Minion-Video erzählte, in dem es um deren Bananen-Besessenheit ging. Und leider wurde ihr an der Seite ein weiteres, nicht sehr harmonisch klingendes Musikvideo empfohlen:

Dieses wollte sie nun mit Vicky nachstellen, die leider alles andere als eine gute Schauspielleistung geschweige denn überhaupt irgendeiner Mundbewegung ablieferte – verständlicher Weise. Welches Kind hätte da schon Lust drauf. Irina versuche sie mit Martins Süßigkeiten wie einen Hund zu belohnen. Mit mäßigem Erfolg. Das Footage war unbrauchbar, aber wie will man das erklären, ohne, dass man noch weitere grausame Minuten damit verbringen muss. Ich glaube, Martin freute sich schon riesig auf’s Schneiden … nicht!

EllieLolli

Nächstes mal vielleicht lieber Ellie performing „Lollipop“.

Dann machten wir uns aber endlich auf den Weg. Irina, Bob (Michaels Dad), Martin und ich mit vier Kindern im Schlepptau. Die zwei asiatischen Nachbarskinder fuhren bei uns mit und waren einfach superniedlich.

LM_Anwesen

Welcome to Layer Marney, einem Schloss im Tudorstil von 1520.

LM_Anwesen2

Mit erstklassigem Ausblick.

LM_Spiegel

Huch? Im Spiegel sieht man noch die alten Geister der Villa.

LM_lambsucks

Da hat wohl jemand meinen Finger mit der Flasche verwechselt. Zum Glück hatten die Lämmchen noch keine Zähne. Puuh!

LM_hens

Eiii! Hühnchen, boag boag. Martin kassierte ein paar Schnabelpicker ein, blieb aber ganz ruhig und schließlich …

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… ließen sich sie sich auch streicheln. Für mich das erste Mal, dass ich ein Huhn gestreichelt habe. Sie sind sooo flauschig!

Am Abend kehrten wir zwei ins Playhouse ein. Ich hatte mich schon die ganze Zeit darauf gefreut, Martin den gigantischen und zugleich bizarren Theater-Pub zu zeigen.

Playhouseburger

In einer gemütlichen Ecke verputzten wir unsere yummy yummy Veggie-Burger mit einem von etwa 50 Ales aus aller Welt zum derzeitigen Ale-Festival in Colchester!

Freitag, 11. April

Da wir uns nicht rechtzeitig für einen weiteren Ausflugsort entscheiden konnten und das Wetter heute auch nicht so prickelnd war, beschlossen wir, diesen Tag in Colchester zu verbringen und zum Institute zu spazieren. Ich fühlte mich wie mein Tutor Barry, der mir bei meiner Ankunft alle Gebäude und Werkstätten zeigte, als ich heute das gleiche mit Martin tat. „Guck, hier arbeite ich. Gemeinsam an einem Tisch mit Carmen und Paula. Das ist unser Präsentationsraum. Und hier kannst du einen Blick in unsere Druckwerkstatt werfen. Das ist das Starbucks-Café neben der Kantine, von dem ich dir erzählt habe. Und hier können wir im Shop günstig Arbeitsmaterialien kaufen.“ :)

Nachhauseweg

Meine Lieblingsstelle auf dem Weg zum Institute. Erinnert mich auch immer an Thames-Town außerhalb von Shanghai. Und auf einmal hat es bei mir geklickt: Thames wie Themse!

Nach zwei superleckeren vegetarischen Supermarkt-Pizzas und britischem Fernsehprogramm planten wir den Abend. Endlich wollte ich einmal Party in der Uni Essex erleben … bis ich schließlich bemerkte, dass es sich heute aufgrund der Ferien nur um eine Mini-Party im Pub handelte. Da konnten wir uns Bus und Taxi sparen und auch gleich in Colchi bleiben.

Aus dem geplanten Party-Abend wurde dann eher ein Nachtspaziergang, auf dem wir so etwa jeden Pub und jede Disco im Stadtzentrum passierten – und das waren so einige – bis wir schließlich entschieden, unser Geld für den morgigen Abend aufzusparen, wenn uns noch mehr Stunden bis zur Schließzeit blieben.

Und wie bisher jeder Nicht-Brite war auch Martin schockiert vom Dresscode der Britinnen, zumindest zu dieser Jahreszeit. :D

Samstag, 12. April

Mersea Island und … Wolken. Natürlich. Wenn man schon mal ans Meer fährt, dann kann man ja nicht auch noch Sonne erwarten.

MI_Huetten

Vermietete Häuschen zu Schweinepreisen, in denen man nicht übernachten darf. Ausschließlich als Schuppen für Strandutensilien gedacht.

Der Wind fegte uns um die Ohren. Haare waschen ist in England manchmal echt für die Katz. Und kämmen erst recht. Würde mich nicht wundern, wenn die meisten Inselbewohner modische Kurzhaarfrisuren tragen.

MI_Wind2Dennoch hatten wir unseren Spaß beim Muschelnsammeln und Knotentangzertrampeln. :)

MI_beach

Abendsonne auf Mersea Island? Nein, so dunkel war es früh um 10.

MI_shells

Die südöstliche Küste und vor allem auch Colchester sind berühmt für ihre Austern.

Auf dem Weg zwischen Colchester und Mersea Island (der Mersea Road, was sonst) holten wir das Paket vom Post Office, das mich zwei Tage zuvor nicht zu Hause erreicht hatte. Und es war enorm! Gut, dass wir uns nicht für den 40-minütigen Spaziergang entschieden hatten.

Und dann war er auch schon da, unser endlich Party-Abend. Zuerst trafen wir Alessandro in Pat Molloys auf ein Pint und ein ausgedehntes, spannendes Gespräch über Filme und Venedig (dort sind weder Autos noch Fahrräder zugelassen und zur Hauptsaison kommt man kaum durch die Straßen. Kein seltener Entschuldigungsgrund für’s Zuspätkommen.).

Anschließend führte unser Weg ins „Liquid and Envy“. Bei einem Garderobenpreis von 1,80£ (2,20€) kann man sich den Eintrittspreis vorstellen. Als wir das verdaut hatten, betraten wir den ersten Floor – und fanden ihn beinahe leer vor. Zum Glück änderte sich das schon bald und das Haus war voll mit Leuten und guter Musik.

Ein besonderer Hingucker des Abends war eine taffe Omi, die ausdauernd ihre Dancemoves auf der Tanzfläche und dem Podest (welches man über eine Leiter erklimmen musste!) vollführte.

Letztendlich musste ich zugeben, dass sich der Eintritt gelohnt hatte, vor allem für die theaterartige Architektur mit hunderten verschachtelten Gängen, drei verschiedenen Floors und der tollen Aussicht von den „Balkons“.

Liquid

Die Ruhe vor dem Sturm. Links unten die Omi auf dem Podest.

Liquidphoto

Wie immer genau dann fotografiert, als ich mein einziges Getränk am ganzen Abend in der Hand hielt. Und mit falschem Datum, hahaha!

*Und hier die Auflösung zur Überschrift.

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