Ui, im Moment passiert so viel, dass ich mit dem Schreiben kaum hinterherkomme. Die Erkältung, die mich Montag erwischt hat, trägt aber auch einiges dazu bei.

Nach unserer ersten Vorlesung am Montag (ich habe noch nicht viel verstanden, aber den Kontext durch bekannte Bilder aus dem letzten „Kunst der 1960er Jahre“-Kurs einigermaßen entschlüsseln können) trafen wir uns in unserem Bereich, dem Arbeitsraum für Graphic Design, und diskutierten ein wenig über das zuvor gehörte. Es war erstaunlich, ich verstand unseren Kursleiter Sean um Welten besser als den Studenten, der zuvor den Vortrag gehalten hatte. Solche Unterschiede habe ich jetzt schon öfter festgestellt. Bei meiner russischen Gastmutti ist es sowieso noch mal etwas anderes. Letztens sagte sie „Piek“ und meinte „Pig“. Wenn ich wiederkomme, kann ich also vielleicht russisch-akzentuiertes Englisch sprechen. :D

Dienstag machten wir uns dann gleich auf den Weg zu einer Exkursion nach London. Und ich kann berichten: das englische Zugsystem ist ähnlich kompliziert wie das Deutsche. Wer günstig fahren möchte, muss sein Ticket am Tag zuvor buchen. Wenn man einen Zug verpasst hat, kann man nicht einfach den nächsten nehmen, denn die Preise variieren ständig. Man hat also die doppelte Arschkarte: Zug verpasst und Geld verprasst.

Liverpool-Station

Liverpool Street Station

Alle anderen starteten wohnortsbedingt von einem anderen Bahnhof, aber ich kämpfte mich durch, fragte einmal nach dem Weg und fand schließlich unseren Treffpunkt in London. Vier von ihnen saßen schon dort, auf der Bank vorm LEON und winkten mir wie wild zu. Unser Leiter (Contextual Studies) Andrew stand auf und breitete die Arme aus, haha, da bin ich also wie ein über ein Feld hüpfendes Strohhutmädchen in seine Arme gelaufen. Nur die Zeitlupe hat gefehlt. :)

Als wir mit schätzungsweise 15 Mann vollzählig waren, schlenderten wir durch die Straßen zur ersten Ausstellung. Barry, unser Hauptlehrender (Programme Leader of BA(Hons) Graphic Design) zeigte mir hier und dort Bauwerke und Straßen und erklärte mir historische Ereignisse und Eigenheiten der Wohnviertel.

Die erste Ausstellung in der Whitechapel Gallery zeigte Werke von der deutschen Dadaistin Hannah Höch. Obwohl die Meinungen über Dadaismus gespalten sind, waren ihre Werke doch in irgendeiner Weise anders als die ihrer Zeitgenossen. Vielleicht, weil sie die einzige Frau neben ihnen war. Sie hat die politischen und kulturellen Konflikte sehr sensibel dargestellt, ohne dem Betrachter ein unangenehmes Gefühl zu vermitteln. Meiner Meinung nach hatte sie ein ziemlich gutes Gefühl für Farbe und vor allem Komposition, besonders bei den späteren Werken. Schon irgendwie lustig, gleich am zweiten Uni-Tag in eine Ausstellung mit deutschen Originaltiteln zu gehen, und in den Erklärungen öfter mal „Weimar Republic“ zu entdecken.

Challenge

Andrew und Weiß-nicht-wer battlen sich im Ernstbleiben. Keine leichte Aufgabe, wenn man dabei fotografiert wird. (Und ein Engelsschatten im Hintergrund!)

TowerBridge

Der Weg zum zweiten Museum führte uns über die Tower Bridge, yey!

Londongebaeuede

Architektonische Kontrastwelten. Im Hintergrund: die Käsereibe (cheese grater)

London erscheint (zumindest im Spätwinter) farblich größtenteils blaugetönt. Vielleicht daher die Entscheidung, Telefonzellen, Briefkästen und Doppeldecker in einem satten Rot anzustreichen.

Im Design Museum angekommen, sahen wir uns vor der eigentlichen Ausstellung noch eine andere, sehr bunte Sammlung vom Fashion Designer Paul Smith an. Der Name war mir zuerst unbekannt, aber das Logo hatte ich doch schon mal gesehen.

Haha, drei Bilder, aber keins mit Mode. Ein Universalgenie der Fashion Scene?

Anschließend betraten wir die eigentliche Ausstellung mit dem Titel „In the Making“ der zwei Designer Edward Barber und Jay Osgerby, die unfertige Produkte zu einem bestimmten prozentualen Zeitpunkt der Herstellung zeigte.

In-the-making

Ikonen der englischen Kultur mit Skizzen zur Entwicklung und Veränderung.

Nach dieser dritten Ausstellung konnte ich kaum noch stehen. Mein Rücken war ein einziges Wrack. Wegen der Erkältung tat mir sowieso schon alles weh. Und dann noch dieser extreme Durst! Meine Wasserflasche war schon fast leer. Der Weg zurück zum Bahnhof kam mir vor wie ein Tagesmarsch durch die Wüste.

Dort angekommen, entschieden wir uns für die Schnell-Variante McDonalds. Ich bestellte einen Veggie-Wrap und eine eiskalte, große Cola. Der Wrap dauerte allerdings etwas länger (wie jedesmal, wenn ich bei McDonalds etwas mit dem Wort „Veggie“ bestelle – die Nachfrage ist sicher nicht allzu groß, weil Vegetarier das Lokal generell eher meiden). Jedenfalls stand ich da, mit meiner eiskalten Cola in der Hand. 5 Minuten oder länger. Mit geschlossenem Deckel ohne Strohhalm. Ich bin fast krepiert!

Da sich mein Gesundheitszustand verschlechtert hatte, fuhr ich bereits mit dem Zug um 16 Uhr zurück nach Colchester. Normalerweise hätte ich es bereut, nicht mehr von London angesehen zu haben, aber in diesem Fall hätte es einfach keinen Sinn gemacht. Macht nichts, ist ja nicht weit weg und wir werden sicher noch öfter dorthin aufbrechen, spätestens im April gemeinsam mit Martin.

Zurück in Colchester stieg ich in den Bus, bat um ein Ticket nach Abbeyfields, war schon zahlungsbereit, da sagt mir der Fahrer, die Anzeige wäre defekt, er fährt nicht nach Abbeyfields. Ich bin also total verwirrt wieder ausgestiegen. Am Bahnsteig standen alle vier verfügbaren Busse der Haltestelle. Jeder hatte eine andere Nummer. Warum war die von meinem dann falsch? War sie mit einem der anderen Busse vertauscht? Letztendlich bin ich gelaufen, weil ich absolut keine Ahnung hatte, was da los war. Bei winterlichen Temperaturen 3,2 km mit Beinen, die am liebsten keinen einzigen Schritt mehr gegangen wären.

Sonnenuntergang-Feld

Belohnt wurde ich dann aber mit einem wunderschönen Sonnenuntergang auf dem Feld gleich in der Nähe meiner Wohnung.

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