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Zugegeben, an die ganz anderen Herangehensweisen in der Fakultät Freie Kunst musste ich mich erst gewöhnen. Ich musste daran denken, wie der böse böse Professor der Fachhochschule Potsdam mich gefragt hatte, ob ich den Unterschied zwischen Design und Kunst kennen würde. Nun – mittlerweile natürlich mehr als genau. Trotzdem war es nicht leicht, den Weg zurück zur Kunst zu finden. Die Entwürfe nicht so sehr der Nachfrage und bestimmten Zielgruppen anzupassen, sondern bedeutungsvollen Inhalt zu vermitteln.

An einem Wochenende im Dezember besuchte ich meine Oma und erzählte ihr von meinem Nähkurs. Da sie, durch ihre Krankheit bedingt, nicht mehr in der Lage ist, selbst zu nähen, bot sie mir ihre üppigen Stoffvorräte an. Zuerst verwendete ich diese für kleine Probestücke, wie die Maustasche und den Scottish Terrier.

Das dritte und letzte Thema im Fachkurs „Die Liebe zu den kleinen Dingen“ lautete „Zerstörung oder Transformation“. Die Stoffbahnen waren zwar nicht unbedingt klein, aber für meine Oma unbrauchbar geworden, sodass sie diese fast schweren Herzens entsorgt hätte.

Nach einiger Zeit des Grübelns rief ich meine Oma an und fragte sie nach ihrem Leben. Sie sollte mir spontan ihre Erinnerungen zu jedem Lebensjahr nennen. Mit Hilfe des „Oma, erzähl mal!“-Buches trugen wir weitere Erlebnisse zusammen. Vadl fielen auch noch ein paar Ereignisse ein. Daraus ergab sich eine lange Liste mit positiven, negativen und ein paar Jahren ohne spontane Erinnerungen.

So schnitt ich insgesamt 85 Stoffstreifen in Weiß, Grau und Schwarz zurecht, um sie zu einem Lebenslauf zusammenzunähen, wobei Weiß für die guten, Schwarz für die schlechten und Grau für die neutralen Jahre stehen sollte.

vorbereitung

Die geschnittenen Stoffstreifen müssen nun gesteckt und zusammengenäht werden.

liste

Hier zu sehen sind die ersten Lebensjahre, an die man sich ja selten zurückerinnern kann.

roterfaden

Der Lebenslauf ist viel länger geworden, als ich gedacht hätte (2,50 m). In meinem Zimmer ist zum Zurechtschneiden und Annähen des Rahmens nicht genug Platz, sodass ich noch mal in den Partykeller runter muss.

Am 4. April präsentieren wir unsere Arbeiten im Van-de-Velde-Bau. Im Rückblick hatte ich mich neben kleinen Objekten vor allem mit Menschen und persönlichen Bindungen beschäftigt. An der Wand links hing der komplette Lebenslauf, der Stammbaum und Erklärungen dazu, wann und wo meine Großeltern welche Freunde kennengelernt hatten.

praesentation

Gut getarnt im Bauhaus. Leider war diese Hängung die einzige Möglichkeit, weder das Stoffband noch die Wände zu zerstören.

Ich wählte einige Erlebnisse aus, steckte diese mit Nadeln fest und erzählte ein wenig darüber.

stecknadelnahansicht

1945 – Bombenangriff auf Cottbus
3 Tage vor dem 16. Geburtstag meiner Oma ist die Wohnung ihrer Familie komplett ausgebrannt. Für die folgenden Monate fanden sie Unterschlupf bei Freunden.

Am Ende der Arbeit kann ich sagen, dass es nicht das Genähte ist, was ich als Ergebnis sehe, sondern all das, was ich dadurch erfahren habe. Welche schrecklichen Dinge meine Oma erleben musste (vor allem die 3 schwarzen Jahre um 1954, die auf dem Bild hinter meinen Beinen verdeckt sind) und wie viele schöne Jahre ihr dabei geholfen haben, wieder Lebensmut zu fassen.

Und wie viel einem das Leben zu bieten hat. Mein Lebenslauf wäre bis jetzt gerade mal 1/4 so lang. Diese 2 Generationen vor mir war alles ganz anders. Es ging nicht darum, wer der beste ist, wer das meiste erreicht oder besitzt. Früher waren ganz andere Dinge wichtig. Vor allem, sich gegenseitig zu helfen.

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